Verehrte Leser


Es lag mir bei der Abfassung meiner Vorträge stets am Herzen, die Person Jesu, seine Lehre und sein Schicksal frei von religiösen und ideologischen Diktionen zu erkennen.

Als ehemals gläubigem Katholiken (Kirchenaustritt 1970) fiel es mir bei meinen Arbeiten immer schwerer, meinem Vorhaben aufrichtig zu folgen, ohne die vertrauten Glaubenspositionen infrage zu stellen. Ideologische Verfälschungen, Insbesondere die tief in den Texten verankerten endzeitlichen Bezüge stellten sich dabei als kaum zu entwirrende Hindernisse in den Weg.

Schließlich waren sie und beinahe sämtliche Schriftbezüge auf das jüdische Schrifttum des Alterums, auf lehramtliche, theologische und ideologische Bezüge der Kirche zu isolieren. Um die Gestalt Jesu vor den realen geschichtlichen Verhältnissen so gut es heute noch geht zu erkennen, ist es erforderlich sie von ihrer theologischen, dogmatischen und widersprüchlichen Bekenntnisorientierung zu befreien.

Die nach der Hinrichtung Jesu zirkulierten Erzählungen, Legenden und Dichtungen waren einem ununterbrochenen Prozess bekenntnishafter Klitterungen und Verkrustungen unterworfen. Deren daraus resultierenden dogmatischen Festschreibungen verstellen den Blick auf die Geschichtlichkeit Jesu, auf das was er gelehrt hat, auf die Gründe seiner Verfolgung und Hinrichtung.

Es war mir wichtig als bekennender Laie wenigstens den Fokus auf diese von der Jesus-Forschung schon seit langem wissenschaftlich erkannten Schäden an der Glaubwürdigkeit und Identität des historischen Jeschua ben Miriam (Jesuus) aus Galiläa zu richten. Mehr würde die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Menschen strapazieren.

Bei meinen Arbeiten schien das Bild eines außergewöhnlichen Menschen auf, der heute noch wie damals vor zweitausend Jahren fasziniert. Sein Leben, seine Persönlichkeit, seine Lehrsprüche und letztendlich seine Folter und Hinrichtung begründen und rechtfertigen in keiner Weise jene mythisch übersteigerte Missdeutung, er sei der oder ein Christos, der oder ein Messias, der Sohn des archaischen auf einige hebräische Stämme der Bronzezeit fixierten Gottes Jahwe.

Unterstellungen dieser Art hat er selbst ausdrücklich und vehement zurückgewiesen. Es war nicht er, der irgendeine messianische Existenz und Sendung in Anspruch nahm. - Er müßte auf Kosten seiner Glaubwürdigkeit von suizidem Wahn befallen gewesen sein, hätte er sich dazu herbeigelassen.

Gleichwohl suchten seine in gottesstaatlichen Diensten stehenden Gegner und Verfolger beharrlich mit intriganter Verdrehung seiner Lehren ihm ketzerische und hochverräterische messianische Selbstprädikationen zu unterstellen, ihn u. a. als Fresser und Säufer zu verleumden, der nicht recht bei Sinnen sei und im Pakt mit dem Satan stehe. Sie versuchten ihn zu inkriminieren und schmiedeten geheime Mordkomplotte. Schließlich klagten sie ihn vor dem religionssgesetzlichen Gremium des Gottesstaates und dem Statthalter Roms an um ihn vollständig biologisch und geistig auszulöschen.

War letzteres mit der erniedrigenden und qualvollen Kreuzigung nicht hinreichend erreicht, so gelang es einem Ideologen der jüdischen Religionsgelehrsamkleit, einem gewissen Schaul, der sich römisch Paulus nannte, das Werk der Gegner Jesu mit Gründlichkeit zu vollenden.

Aus Elementen diverser Erinnerungen, Erzählungen, Wundergeschichten und aus unausrottbaren messianischen Unterstellungen schuf diesr Pharisäer den transzendenten, von den Toten auferstandenen Sohn des jüdischen Gottes Jahwes. Er transformierte dazu den historichen Jesus von Nazareth in die ideologische Figur des Christos, und klitterte  seine eigenen Interpretationen spekulativ ausgelegter Mythen und Prophezeiungen der jüdischen Tradition, in das was er brauchen konnte. Unumwunden rief er in einem seiner Missionsbriefe dazu auf, sich an den historischen Jesus nicht mehr zu erinnern und sich statt dessen zu seinem Christos zu bekennen.

Jesus erscheint dagegen in den Berichten als politisch informiert und herausfordernd kuragiert. Als messianischer Schwarmgeist, der neben sich selbst stand als einer der sich selbst zum privilegierten und erhabenem Gottessohn in der Rolle Richters und Retters der Menschheit erhob, ist er nirgends explizit auszumachen.

Jesus lebte in einem real erfahrbaren Gottesstaat. Er kannte die Gefahren derartiger abstruser und ihn politisch lebensgefährlich auslegbaren Ansprüche und Selbstprädikationen. Die römischen Behörden hatten sich allenhalben mit irgendwelchen närrischen und aufwiegelden Terroristen und Dolchträgern herumzuschlagen, die sich als gottgesandte Retter und Messiasse ausgaben. Das wußte er und er warnte davor, ihn damit in Zusammenhang zu bringen. Denn er wußte auch, wie man mit ihm, seinen Freunden und seiner Lehre verfahren würde, könnte man ihm messianische Umtriebe unterstellen.

In seinen Lehren mied er messianische Bezüge und verdächtige Begriffe. Er gebrauchte den Begriff "Menschensohn" ("man", "unsereiner") statt apodiktisch "ich", Das Himmelreich war für ihn kein messiansiches Königreich mit ihm als Sohn Jahwes an der Spitze. Sehr deutlich definierte er Himmelreich als Millieu, das sich unter den Menschen entwickelte die sich zusammenschlossen und seinen Lehren folgten. Das Wort Gott taucht in seinen Lehren authentisch von ihm gesprochen nicht auf. Er nannte die Schicksals- und Schöpfermacht "Vater", dessen väterliche Fürsorge er umfassend im Leben erkannte und dem er Glauben und Vertrauen empfahl.

Aber alle seine Kenntnis um die realen Gefahren, seine Achtsamkeit und seine Vorsicht war der Intriganz und Bosheit seiner Umwelt unterlegen und er mußte seinen ihm Getreuen gestehen, dass man seine Leheren verdrehen, ihn verfolgen, ausliefern und vernichten würde.

Doch, wenn es seinen Gegnern auch gelang ihn biologisch spurlos aus der Welt zu schaffen, auch wenn es seinen manchen seiner "Freunde gelang das historische Andenken an ihn bis auf wenige Relikte auszulöschen und in Folge seine Persönlichkeit und seine Lehren ideologisch und theologisch zu verschütten: Jeschua hinterließ dessen ungeachtet Spuren, die ihn als einen der Größten der menschlichen Geistesgeschichte ausweisen, als herausragendes Beispiel schlichter, feinsinniger Unterweisung, ohne ideologische und ohne bigotte Verengungen.

Jesus von Nazareth war ein Licht in Palästina der Zeitwende und weit darüber hinaus. Er zeigte sich als ritterlicher Mensch mit unerschütterlicher Menschenliebe und Liebe zu "Gott", den er gleichwohl niemals mit Anwendung dieses Begriffs definierte und dem er niemals rechthaberisch Grenzen setzte.

Ohne den Mann aus Nazareth wäre die Welt noch weniger erlöst denn je.

Theo Trautner (Paffrath)
am 27. März 2015
redigiert am 140415