Hat der Holzhandwerker aus dem nordpalästinischen Dorf Nazareth Jesus eine Lehre konzipiert, gelehrt und verkündet? Gibt es also eine in sich geschlossene Lehre des Jesus? Wenn ja, was hat er gelehrt?

Die Antwort ist kontrovers und kollidiert mit der Christusverkündigung eines gewissen Paulus. Paulus erscheint in der Überlieferung als irritierend schillernde Persönlichkeit. Direkte und historisch überprüfbare Nachrichten von ihm gibt es nicht. Was man über ihn weiß erzählt er selbst in seinen Briefen und wird in der frühesten Kirchengschichte (Acta Apostulorum) berichtet, die ein gewisser Lukas zwischen 60 und 90 verfasst hat.

Als Heimat des Paulus gilt die heute türkische Hafenstadt Tarsus (antiker Name). Seine Eltern waren „rechtgläubige“ (orthodoxe) Juden. Sein hebräischer Vorname war Schaul, Paulus ist dessen lateinische Form. Von seinem Vater hat er das römische Bürgerrecht geerbt.

Paulus soll angeblich zunächst das Handwerk des Zeltmachers erlernt und praktiziert haben. Schon früh aber wurde er als Schriftgelehrter ausgebildet und in Jerusalem von einem berühmten Rabbiner (Gamaliel I) unterrichtet. Danach war er als Pharisäer für seine jüdische Gemeinde zuständig.

Nach der Kreuzigung Jesu soll Paulus das priesterliche Kollegium am Tempel von Jerusalem, das die Hinrichtung Jesu betrieben und bewirkt hat, um Auftrag und Erlaubnis gebeten haben, Juden, die die Lehren des Jesus fovirisierten, in Palästina und in der jüdischen Diaspora ausfindig zu machen, zu überwachen und anzuzeigen (Talmud).

Das wurde  ihm bereitwillig gewährt. Der Student  an der Schule Gamalies kehrte gnadelos den eifernden Denunzianten und Inquisitor heraus. Sein Eifer ging so weit, dass er dem Lynchmord an einen  jungen Jsus-Enthusiasten
mit „Wohlgefallen“, "beiwohnte", das heißt,  dass er dazu motivierte und antrieb,  Er  verwüstete die Gemeinde dieses Mannen, drang in die Häuser der Bewohner ein, verschleppte Frauen und Männer und sorgte für Ihre Verhaftung.  Das erinnert mich beim Schreiben dieser Zeilen an das Vorgehen römischer Cäsaren gegen die Juden in Rom. - Hatten die Römer aus den kaiserlichen Analen diese Verbrechen von Juden an den eigenen Volks- und Gesinnungsgenossen  erfahren?

Paulus und seine Klientele begründeten ihre Untaten mit der Erfindung eines Lügenkomplexes. Bei einer seiner Inqisitionsreisen habe ihn auf dem Weg nach Damaskus vor den Toren der Stadt ein himmlisches Licht umstrahlt, worauf er zu Boden fiel. Er - nur Er! - habe die Stimme Jesu gehört, die sagte: "Saul, Saul, warum verfolgst du mich?" Paulus habe  geantwortet: "Wer bist du, Herr?": Die Stimme wiederum antwortete: "Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst."

Von der Lichterscheinung bzw. der Stimme Jesu berichtet Paulus selbst nichts. Er schreibt allerdings in einem Misionsbrief an die Galater, "Er (Gott) hat seinen Sohn offenbart "in" (!)  mir“. Man fragt sich nun, wie unter den geschilderten Umständen der Bericht von dem Vorfall vor den Toren von Damaskus zustande gekommen sein soll, wenn niemand außer Paulus, etwas gehört oder gesehen hat.

Wie dem auch sei, dieser halluzinative Bestandteil der biblischen „Offenbarung“ sollte zum Quellen- und Schlüsselereignis für die Entstehung der christlichen Ideologie werden. Denn Paulus bekannte danach gewiß nicht ohne Grund, in seinem Eifer für das jüdische Gesetz ein todeswürdiges Unrecht begangen zu haben, dem er sein bisheriges Leben geopfert habe. Nun aber habe Gott ihm in der Person des Jesus Christus seinen wahren Willen direkt und unvermittelt offenbart!

Der Kern dieser unseriösen, real ganz und gar unglaubhaften Hergangsgeschichte, die an die Tonart von Sektenpredigern erinnert, kann  ja doch nur mit programmatischen Täuschungsabsichten des Paulus und jenen mit ihm sympathisierenden Juden in Damaskus erklärt werden.

Paulus wandelte sich erfolgreich vom mörderischen Verfolger zum Verfasser und Begründer einer Jesus-Christus-Ideologie der
die historische Überlieferung von Jesus außer Kraft setzte und seiner eigenen opferte. Von dem schlichten galiläischen Weiheitslehrer, der verraten, verhöhnt und verleumdet für seine Sache am Galgen verbluetet, war in den Missionsbriefen keine Rede. Der historische Jeschua wurde dem Missionsprogramm konform zum Gottessohn Jahwes und messianischen Retter und Richter der Endzeit - CHRAESTOS (Christus) transformiert.

Friedrich Nietsche kommentiert:

Der »frohen Botschaft« (Jesu) folgte auf dem Fuß die allerschlimmste: die des Paulus.
In Paulus verkörpert sich der Gegensatz-Typus zum »frohen Botschafter« (Jesus),
das Genie im Hass, in der Vision des Hasses, in der unerbittlichen Logik des Hasses.
Was hat dieser Dysangelist alles dem Hasse zum Opfer gebracht!
Vor allem den Erlöser: er schlug ihn an sein Kreuz.
Das Leben, das Beispiel, die Lehre, der Tod, der Sinn und das Recht des ganzen Evangeliums Jesu (Red.) - nichts war mehr vorhanden, als dieser Falschmünzer aus Hass begriff, was allein er brauchen konnte.

Die Vermutung, dass die Ereignisse in Damaskus ein missionspolitischer, nicht einmal ein überragend intelligent ausgedachter Coup war, stand am Beginn einer Ideologie, die Jahrhunderte lang Religionen und Sekten hervorbrachte, die sich endlos zerstritten spalteten; Menschen malträdierten und ganze Voker in fürchterliche Kriege führten.

Paulus hat Jesus selbst nicht gekannt. Als Jesus in Jerusalem gekreuzigt wurde, befand sich der vielleicht 20-jährige Paulus mit großer Wahrscheinlichkeit in dieser Stadt. Sie war der originäre Hintergrund des Pharisäers und Christus-Missionars. Die von Rom beherrschte Stadt Davids war ein Pulverfass. Es galt dort das Traditionsgesetz Jahwes, um dessen Geltung Schriftausleger und die korrupte Priesterschaft eifersüchtig stritten. Sekten buhlten um thumbe Anhänger und fanatisierte Endzeitpropheten verdunkelten die Gehirne der Menschen.

Die Stadt wurde von messianisch motivierten Aufständen und brutalen Gegenaktionen der römischen Provinzadministration erschüttert. Wallfahrten und Tempelfeste führten zu gewaltigen und gefährlichen Ansammlungen in der Stadt und auf dem Tempelgelände. Sittenlosigkeit bis in die Keller des Tempels, Korruption, Lynchjustiz, und Terrorismus förderten Angst und Schrecken. „Das Recht war zu Boden getreten“, wird gesagt. - Das unheilige Jerusalem versank im Chaos und befand sich am katastrophalen Ende seiner tausendjährigen Geschichte. Das war die Welt des Paulus und der Geburtsort seiner Religionsideologie.

Ganz anders die Welt des Holzhandwerkers Jeshua im Dorf Nazareth in Galilä im Norden Palästinas. In den Jahrhunderten vor dem Auftreten Jesu hatte sich dort ein Typus des Judentums mit eigenständigem Habitus und kritischer Distanz zu Jerusalem und zu den Judäern im Süden entwickelt, die Galiläer. Die Juden sagten ihren unorthodoxen Landsleuten im Norden nach, Ungebildete und Hitzköpfige zu sein, die einen ausgeprägten Hang zum Widerspruch bis hin zum Aufstand zu haben. Dennoch anerkannten sie ihre Tapferkeit und ihren käpferischen Freiheisdran.

Wie in ganz Palästina sprachen die Menschen in Galiläa aramäisch. Doch hatte sich die Aussprache und der Wortgebrauch hier abgeflacht und wirkte nachlässig. Der Jude im elitären Judäa blickte darauf ebenso wie auf den Habiitus der Galiläer. Die rustikale Kleidung und die lange Haartracht brachten ihnen Spott und Verachtung ein. Und in Bezug auf die Beachtung des Religionsgesetzes nahmen es die Galiläer weniger genau als die Judäer. Denn die gnadenlose Ausbeutung fühte zu einer das ganze Leben beherrschenden und bedrückenden Armut, die den Menschen die Zeit nicht ließ, penibel an der Geltung der zahlreichen Bestimmungen und Rituale zu tüfteln und sie an aktuelle Anforderungen des Alltags anzupassen, wie dies in Jerusalem geschah. So kam es, dass man in Judäa die verhöhende Frage eines Gesetzeskundigen wiederholte, ob denn aus Galiläa überhaupt etwas Gescheites kommen könne. 

Jesus war offensichtlich ein exemplarisch galiläisch geprägter Mensch. Äußerlich war er hochgewachsen und kräftig. Seine Gesichtszüge waren markant und tadelsfrei. Das darf man aus den Bildpuren seines Grabtuches entnehmen. Wäre es anders gewesen, hätten es die Gegner auch nicht verabsäumt, etwaige körperliche Makel als Mängel an der Eignung und Berechtigung zu lehren zu interpretieren. Man tat es ohnehin mit Hinweis auf die ungeklärte Vaterschaft Jesu und seinem Umgang mit gesellschaflich sozial Ausgegrenzten.

Exemplarisch galiläisch auch war sein Auftreten. Er trug die landesübliche lange Haartracht und einen Bart. Sein Gewand war offenbar rustikal, jedoch aus einem Stück gewebt, wie es heißt. Es bereitete ihm offenbar keine Mühen lange Wegstrecken bei jedem Wetter hinter sich zu bringen und in Hainen zu nächtigen.

Seine philosophisch und religionsgesetzlich geschulte Bildung trug er nicht zur Schau, setzte sie aber treffend dazu ein, ironisch und kämpferisch gegen Falschheit und Überheblichkeit der Elite zu argumentieren.

Jesus war ein sehr bescheidener Mensch. Sein Leben reflektierte sich in seiner Lehre. Er stellte den Gebrauch des „Ich“ nicht in den Vordergrund und ersetzte es in seinen Lehrgesprächen mit neutralisierenden Begriffen wie "man"  und "Menschensohn" im Sinne von "unsereiner". Im Essen war er mäßig. Wir wissen von Brot und Wein und Fisch. Von dem Genuss anderer Tiere erfahren wir in den Berichten nichts – auch nicht am Osterfest und auch nicht bei seinem letzten Mahl mit seinen Jüngern.

Die Frömmigkeit Jesu wich von allem ab, was wir von den Schriftgelehrten und vom Ritus kennen. Von rituellen Gesten und öffentlich zur Schau gestellter Frömmigkeit erfahren wir nichts. Er zog sich zum Gebet zurück.

Was Jesus auf Wegen und Plätzen, in Synagogen und Häusern verbal exakt gelehrt hat,  wird für immer verloren sein. Keine Sprachüberstzung keine Auslegung und keine Deutung ist dem je gerecht geworden und auch keine kann das leisten. Jesu Weisheit zielte auf Menschen die einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Geschichte und Tradition, einem bestimmten Kultur- und Sprachkreis angehörten und für die er aus seinem Verständnis heraus Worte wählte, die seine Zuhörer verstehen konnten. Denn das - und nur - das wollte er wohl erreichen, das ist seinen unnachahmlichen Lehrbeispielen entnehmen.

Verbal und theologisch geschulte und geschliffene Interpretationen, Auslegungen und Deutungen waren seine Sache ganz offensichtlich nicht und sollten auch heute mit Abstand zu ihm vermittelt werden. Was aber er die Menschen lehren wollte, erschließt sich mit Geduld und dem Wunsch die Essenz seiner Lehren zu erkennen: 

Das Prinzip von Ursache und Wirkung im Denken und Handeln zu beachten.

Die Natur zu achten und von ihr zu lernen.

Mit aufrichtiger Bereitschaft zu verzeihen und mit Herz und Seele mit Freund und Feind versöhnlich (ausgleichend) umzugehen und zu leben.

Klug bescheiden und uneigennützig zu sein und mit Bereitschaft zu opfern und verzichten zu üben.

Gott im Bild des umsorgennden „Vaters“ ohne nationale, institutionelle und kulturelle Begrenzungen ehren und vertrauen.

Frei von Gehorsamszwängen, ohne rituelle Beschwörungen und ohne dogmatische Strangulierung zu glauben und zu handeln.

Keiner Ideologie des Hasses und der Rache nachlaufen.

Das Heil im Hier und Jetzt verwirklichen, denn das ist das Milieu des „Himmelreich“s

Theo Trautner (Paffrath)
3. Redaktion 130417 - 09.00