Geschichte der Kreuzigungsfolter in Palästina

Eines Nachmittags, während sich der römische Imperator Konstantin auf einem Heeresmarsch befand, sah er am Himmel eine merkwürdige Erscheinung. Über der Sonne erschien ihm ein Kreuz gebildet von Flammen und dazu die griechisch geschriebenen Worte: "In diesem Zeichen siege!". In der darauf folgenden Nacht habe er, der Kaiser persönlich, in einer Vision nun den Cristos selbst gesehen. Und mit ihm zusammen erschien wiederum das Kreuz aus Flammen. Und auch dieses Mal hörte der Kaiser die Stimme des Christos, die zu ihm sagte: "In diesem Zeichen siege!".   

Daraufhin eliminierte Konstantin das Jahrhunderte alte römische Feldzeichen und Staatssiegel, das Labarum mit dem römischen Adler. Es bestand aus dem Schaft einer Lanze mit einer Querstange an ihrem oberen Ende, von der eine Fahne niederhing. Vor der Schlacht gegen Maxentius 312 n. Chr. wurde dieses alte Feldzeichen auf der kaiserlichen Standarte mit dem neuen, dem sogenannten Christusmonogramm dekoriert.  Es setzte sich aus den beiden ineinander gezeichneten griechischen Buchstaben CHI (X) und RHO (P) zusammen, den Anfangsbuchstaben des Wortes CHRISTOS. 

"In diesem Zeichen siege!", damit hatte also der Christus, den Imperator Roms zu kriegerischer Gewalt aufgefordert und sie "göttlich" besiegelt. Konstantin war ein kühler Pragmatiker und kluger Visionär. Das bewies sein angeblicher Tagtraum vor der Schlacht. Man sieht: der Christos - wir sprechen hier nicht von dem hingerichteten Wanderlehrer Jesus - stand schon von Beginn des politischen Christentums an auf Seiten der Macht, des Kriegsgetümmels und des politischen Oportunismus. Die Masse der sich chrestianisch bekennenden Sklaven Roms sollte angeführt von Cäsar Konstantinus hinter dem neuen Labarum, dem Christusmonogramm als kaiserliches Staatssiegel  die Gegner entmachten, Feinde niederwerfen und Siege ersreiten.

Jesus von Nazareth, den Rom gekreuzigt hatte, und seine Lehren fielen ignoranter Verdrängung in einem Ausmaß anheim, die sich seine Gegner rund dreihundert Jahre vorher nicht zu erträumen wagten. 

Das Labarum erhielt eine sakrosankte Aura und soll angeblich zum Gegenstand der persönlichen Verehrung des Kaisers geworden sein, der sich damit zur Meditation eingeschlossen haben soll. So konnte es dem Kaiser wohl nicht mehr angemessen er scheinen, den gekreuzten Materpfahl, an dem der Nazarener im Namen Roms unter Qualen starb, als Siegeszeichen im Labarum an den Stadttoren vorbei zu tragen, vor denen Menschen an Kreuzen aufgehängt starben. Folgerichtig hat dieser pragmatische Visionär Hinrichtungen am Kreuz abgeschafft. 


Das Christusmonogramm

Seit Konstantin sind rund 1650 Jahre vergangen. Die Entscheidung Konstantins das Kreuz zum Staatssymbol zu erheben war ein staatsmännischer Geniestreich. Zum einen wurde der Kreuzigung Jesu der verächtliche Nimbus einer Abscheu erregenden Strafe genommen, zum anderen erhielt die Masse christlicher Sklaven im römischen Reich, insbesondere im römischen Heer, religiöse Legitimation. Und der im Zeichen des Kreuzes subversiv wirkenden und missionierenden christlichen Kirche wurde Freiheit, Einflussnahme und Mitwirkung in der Reichsadministration zugesichert.   

Damit legte Konstantin die Wurzeln von Sklavenaufständen, die bereits den Bestand des Reiches  gefährdet hatten, trocken und motiviert ihere Kampfwilligkeit im Heer. Das Andenken an die Massakrierung des Jesus ben Mirijam verkam zum ordinären macht- und kriegspolitsichen Kalkül und sollte in dieser Form die Welt für Tausende Jahre verändern.   

Nach Konstantin wurde das Kreuz zum Zeichen des Sieges über den Tod, über das Böse und über die Sünde transformiert.  Es gibt kein Material, aus welchem es nicht gefertigt worden wäre. Mit dem ursprünglichen Gegenstand der verächtlichen Kreuzigungsfolter haben diese Kunst- und Symbolobjekte selbstverständlich weder Ähnlichkeit noch Gemeinsamkeit. Sie lassen das Grauen kaum noch ahnen, die der antike Mensch vor diesem Blutgerüst empfand.   

Was das Kreuz in der realen Wirklichkeit gewesen war, wird trotz aller rituellen Beschwörungen in den Kirchen heute kaum noch erinnerlich nachvollzogen. Die Vorstellungskraft reicht nicht aus, das Leiden und die infernalischen Qualen nachzuempfinden, die alles in einem Menschen verstummen ließen und ihn zu einem Bündel zuckender Nerven reduzierte. Schon aus der körperlichen Haltung des ans Kreuz Geschlagenen erklärt sich das Ringen nach Atem, das sich verbunden mit fürchterlichen Schmerzen in lautem Stöhen und Schreien artikulierte.   

Die anfängliche Form der von Alexander von den Persern übernommenen Praxis Lebende und Tote an Pfählen, Baumstämmen und Palisaden aufzuhängen wurde von daher kommend Pfahlen genannt. Der Pfahl, griechisch STAUROS wurde zu einem der grausamsten Foltergegenstände entwickelt.    Das Pfahlen griechisch STAUREIN bestand im ursprünglichen Sinn darin, die Hände eines  Verurteilten über seinem Kopf an einen Pfahl, an einen Baum oder an eine Wand zu fesseln oder zu nageln. Desgleichen die Füße.   

Lange bevor Jesus am Kreuz litt, hat man in Indien, Assyrien, Skytien, Ägypten, Phönizien, Karthago, in Makedonien und in Rom lebendige und tote Menschen an Pfähle genagelt. Das Pfahlen war wohl eine der verbreitetsten Foltermittel des Altertums. Alte Bibeltraditionen kennen die Sitte, Erschlagene und vorher Hingerichtete an Pfählen oder Bäumen aufzuhängen. Es war bereits damals ein Akt des Triumphes und der Zurschaustellung und Abschreckung.   

Das Buch Josua berichtet aus der Zeit der hebräischen Okupation Palästinas, Josua habe den König von Ai bis zum Abend an einen Baum hängen und dann unter einen großen Steinhaufen begraben lassen.  Ebenso erschlug er die fünf Könige von Jerusalem, Hebron, Jarmut, Lachisch und Eglon tot und hing sie bis zum Abend an Bäumen auf. Danach warf man sie in eine Höhle, die mit Steinen versperrt wurde. Das 5. Buch Mose (Deutoronium) regelt diese Sitte normativ und gebietet, den Verurteilten zu töten und den Leichnam bis zum Abend an ein Holz zu hängen.   

Der Aufgehängte galt als verflucht. Seine Leiche sollte keinesfalls über Nacht am Holz bleiben, weil sie das Land verunreinigte. Die Philister hielten sich nicht an diesem Brauch. Das 1. Buch Samuel (31) berichtet, wie man die Leiche des Königs Saul behandelte. Man schlug zuerst den Kopf ab. Dann nagelte man den Körper an die Mauern der Stadt Betschan.   

Wann man in Palästina damit begonnen hat, lebende Menschen ans Holz zu bringen, ist exakt nicht zu ermitteln. Dass diese Praxis dort lange vor Jesus angewandt wurde, ist aber nicht zu bezweifeln. In das Licht der Geschichte trat die furchtbare Sitte, Volksfeinde, Kriegsgegner und Räuber an Händen und Füßen an Pfählen und Palisadenwänden zu nageln, im alten Persien. 519 v. Chr. wurden unter dem persischen Großkönig Darius in Babylon 3. 000 prominente Rebellen ans Holz genagelt. Er hat wohl seinen bestialischen Triumph über seine Gegenkönige sehr genossen. Um 510 lässt er am Felsentor von Behistun eine Inschrift einmeißeln. Hinter jedem Namen eines Besiegten steht die stereotype Formel: "Die Großen, die mit ihm (einem aufsässigen Großkönig) waren, habe ich an den Pfahl gehängt!"

Auch das auf dem Gebiet des persischen Palästina gelegene Israel machte Bekanntschaft mit dieser Barbarei. In Esra 6.11 wird die folgende Drohung überliefert: "Wenn irgend einer meinen Erlass übertritt, so soll ein Balken aus seinem Haus herausgerissen und er daran angeschlagen werden.  Das war keine leere Drohung. Die grausame Anwendung des Befehls dürfte auch Israeliten spätestens zwischen 519 - 510 an den Pfahl gebracht haben. Über die Folterung am Pfahl des Inaros, des Satrapen von Libyen 454 v. Chr. durch Artaxerxes I berichtet Thukydides lapidar: "Er wurde verraten, verhaftet und an den Pfahl genagelt.   "

Der makedonisch-griechische Welteroberer Alexander übernahm diese Folterpraxis von den Persern.    Sie hat den Zerfall auch seines Reiches überlebt und wurde von den nachfolgenden hellenistischen Staaten beibehalten. Von den Griechen selbst ist die Anwendung des Pfahlens nicht überliefert. Nur Platon spricht in seinem Werk "Der Staat" lange vor jesus von einem Gerechten, der seinen Weg durch diese Welt geht, leidet und stirbt, unbekümmert um äußeren Schein und unwandelbar bis zum Tod.  "Der Gerechte wird gegeißelt, gefoltert, gebunden, mit Feuer geblendet und, wenn er alle Leiden erduldet hat, schließlich an den Pfahl geschlagen werden.   "

Wie in allen Nachfolgestaaten des Alexanderreiches und deren Provinzen wurde das Pfahlen auch in Israel praktiziert. Aus der Zeit des Antiochus Epiphanias (175/164) wird ein Text überliefert, in dem Moses über Antiochus sagt: "Er wird den Bekenner der Beschneidung an den Pfahl hängen. " Der jüdische Historiker Josephus berichtet ebenfalls über diese Vorgänge und schreibt: "Sie wurden gegeißelt und verstümmelt und noch lebend und atmend ans Kreuz geschlagen.   "

Die möglicherweise erste Pfahlung von Palästinajuden durch eine jüdische Justizbehörde hat spätestens 162 v. Chr. unter dem hellenistisch-jüdischen Hohepriester Alkimos stattgefunden. An einem Tag ließ dieser höchste Repräsentant der jüdischen Tempel-Theokratie 60 Schriftgelehrte, alle oder einen Teil von ihnen an den Pfahl annageln. Der Kampf der Priesterpartei der Sadokiden, der Schriftgelehrten und Pharisäer gegen den moralischen Niedergang unter den späten hasmonäischen Hohepriestern hat weitere Pfahlungrn von Juden durch Juden zur Folge.   

Im Jahr 88 v. Chr.  veranstaltet der Hohepriester Alexander Janai ein öffentliches Festbankett im Zentrum Jerusalems, mit dem er seinen Sieg über die Pharisäer feiert. Vor den Augen seiner Gäste und Mätressen lässt diese Bestie im Priesterkleid gegen 800 gefangene Pharisäer an Pfähle  nageln.  Als das Blatt sich wieder gewendet hatte, veranlasste der Pharisäer Simon ben Schetach 12 Jahre nach der Massenhinrichtung seiner Parteigänger die Aufhängung und Pfahlung von achtzig Hexen. Man glaubt, dass es möglicherweise jene Mätressen des inzwischen gestürzten Alexander Janai und andere Kurtisanen mit heidnisch-hellenistischen Bräuchen gewesen waren, die den Abscheu der „heiligen“ Männer hervorriefen.   

Unterdessen drang die barbarische Todesfolter des Pfahlens auch in den Westen der alten Welt vor.    Von den Karthagern übernahmen sie die Römer.     

Den senkrechten Pfahl nannten die Römer STIPES (Bed.: Stamm, Stock, Pfahl, Stange zum Aufspießen eines Missetäteters, In Verbund mit einem auf oder an dem STIPES befestigten Querbalken "PATIBULUM" nannte man das Foltergerüst kurz die CRUX.  Das Hängenlassen des Körpers an den seitlich gestreckten Armen und den Nägeln durch die Unterarme oder die Hand- und Fußwurzeln war die römische Steigerung der Folterqualen.   

Das Anschlagen eines Delinquenten an die CRUX, lateinisch "IN CRUCE FIGERE" haben die Römer als schändlichste und überaus grausamste Staatsstrafe für Aufruhr, Revolution, Räuberei und Desertation und für Sklaven eingeführt. Von den drei grausamsten Tötungsarten, die sie kannten, lebendige Verbrennung (lat. CREMATIO), Tötung durch wilde Tiere in der Arena (lat. DAMNATIO AD BESTIAS) galt die NAGELUNG AN DIE CRUX (Kreuzigung) als besonders furchtbar und entehrend. Cicero nennt sie die "grausamste und fürchterlichste Todesstrafe".  

Viele Gelehrte nehmen an, dass die normale CRUX die Gestalt eines T (CRUX COMMISA) hatte. Sie war in der Regel nicht sehr hoch. Vor allem in Judäa muss der Mangel an Nutzholz in Betracht gezogen werden. Für die Kreuze auf Golgota ist ein Abstand des Querbalkens vom Boden von 2,5 m anzunehmen. Die Füße des Verurteilten wären dann ungefähr 70 bis 90 cm über dem Boden an den Stamm genagelt worden.   

Irinäus, der um 200 n. Chr. lebte und Kreuzigungen bestimmt selbst noch erlebt hat, gibt für die Kreuzigung Jesu ein Kreuz an, wie es sich im Christentum als Gegenstand der Verehrung fest etabliert hat: Die CRUX IMMISSA.  An diesem Kreuz ist der Querbalken etwas unterhalb vom oberen Ende des Pfahles eingelassen.   

Die römische Praxis der Kreuzigung setzte sich im ganzen Imperium rasch und gründlich durch.    Das römische Reich verhalf dieser Unmenschlichkeit zu ihrem Siegeszug um die Welt. Die erste gigantische Massenexekution am Kreuz fand 71 v.  Chr. entlang der Straße von Rom nach Capua statt. 6000 als Spartakisten verbündete aufständische Sklaven fanden den Foltertod am Marterholz.    

Der römische Statthalter für Syrien Quintilius Varus ließ 4 v. Chr. 2000 Widerstandskämpfer rund um Jerusalem an Kreuze nageln. Und 30 n. Chr. wird jesus von Nazareth, "der Messiaskönig der Juden" aufgrund jüdischer Denunziation unter Pontius Pilatus ans Kreuz genagelt wurde. Von seinem Schrecken vor der Verhaftung und von seiner Todesangst wissen wir aus den Berichten. Es entsteht dort das Bild eines psychischen Zusammenbruchs, der nicht in das Bild seines sonst mutigen Auftretens einzuordnen ist.    

16 Jahre später verurteilt der Prokurator Tiberius Alexander die beiden messianischen Bandenführer Jakob und Simon ben Juda zum Tod ans Kreuz. Um 52 n. Chr. veranstaltet wiederum ein römischer Statthalter, Quadratus, in Syrien eine Massenkreuzigung aufständischer Juden in Cäsaräa. Von der Kreuzigungspraxis des Prokurators Felix in den darauf folgenden Jahren berichtet der jüdische Historiker Josephus: "Die Menge der Partisanen, die auf seinem Befehl (des Felix) gekreuzigt wurden, war unzählbar. " Der Prokurator Gessius Florus setzt diese entmenschte Praxis der römischen Militärpolizei fort. Er lässt 66 n.   Chr. sogar römische Ritter jüdischer Herkunft geißeln und ans Kreuz nageln.   

Die Wut und die Abneigung der römischen Administration und des Heeres gegen die Juden, die es nicht verstanden, sich in das imperiale Reich einzuordnen, ging ins Maßlose.  Nach dem jüdischen Historiker Josephus Flavius sollen nach Ausbruch des jüdischen Krieges 70 n. Chr. täglich 500 Gefangene in Sichtweite der Verteidiger Jerusalems gefoltert und gekreuzigt worden sein. Josphus berichtet: "Nachdem sie gegeißelt und auf alle mögliche Weise fast bis zu Tode gefoltert waren, wurden sie im Angesicht der Stadtmauer gekreuzigt. In ihrer Wut und entmenschten Verzweiflung nagelten die Soldaten die Gefangenen zum Hohn in verschiedenen Körperstellungen an. Und so viele waren es, dass es bald an Raum für die Kreuze fehlte und an Kreuzen für die Leiber.   "

Das Maß des Schreckens, den die Kreuzigung verbreitet hat, wird deutlich, wenn man weiss, dass der Fall der Feste Machairus im Jahr 71 n. Chr. eben dieser elementaren Folterangst zu danken ist. Bei einem Ausfall wird einer der kommandierenden Partisanenführer der Bergfeste Machärus, Eleazar, von den Römern aufgegriffen und nackt ausgezogen. Sodann wurde ein großes Kreuz aufgerichtet. Im Anblick des Furcht einflößenden Martergerüstes fleht der hartgesottene Kämpfer seine Kameraden auf der Burgmauer mit verzweifelten Rufen an, ihn nicht dem Kreuz auszuliefern, ihn von der "grausamsten aller Todesstrafen" zu retten.  Die Feste Machärus kapituliert tatsächlich. Sie wird eingenommen und Eleazar kommt frei.   

Auch der Barkochba-Krieg um 150 n. Chr. endet mit einer langen Reihe von Kreuzigungen. Die Kreuzigung eines Menschen war seit je und überall ein Akt der Zurschaustellung, Demütigung und Abschreckung. Dementsprechend waren Kreuzigungen begleitet von öffentlichen Aufzügen, wobei der Bevölkerung Gelegenheit zu Schmähung und Misshandlung des Verurteilten gegeben war. Die Wege zur Hinrichtungsstätte wurden so gewählt, dass diese Zwecke erreicht wurden. Bei jesus war das ebenso.   Bevor man den Verurteilten an das Kreuz nagelte, wurde er in der Regel erbarmungslos gegeißelt. Das konnte vor, während oder nach dem Gang zur Richtstätte, also unmittelbar vor der Annagelung geschehen.   

Allein diese Geißelung war bereits eine so furchtbare Folter, dass sie einem römischen Staatsbürger nicht unterzogen werden durfte. Als Werkzeug diente eine Kette oder ein Riemen aus Leder. Daran waren scharfe Knochensplitter oder Metallkugeln befestigt, die die Haut bis aufs Fleisch aufrissen. Das Grabtuch von Turin lässt die Spuren dieser Folter unzweifelhaft erkennen.    Das jüdische Recht schrieb eine Begrenzung der Hiebe auf "40 weniger einen" vor. Die Römer kannten überhaupt keine Begrenzung. Der Verurteilte war dem Sadismus des Geißlers ausgeliefert. Mancher Verurteilte starb schon während dieser mit gemeiner Rohheit ausgeführten Tortur.   

Den Querbalken des Kreuzes hatte der Verurteilte selbst zur Richtstätte zu schleppen.    Man lastete ihm das Holz auf die Schultern und band seine Hände mit Stricken daran fest. Dies lässt den Schluss zu, dass in der Regel mindestens die vertikalen Pfähle der Kreuze schon vorher an der Richtstätte aufgestellt waren. Für die Metropole Rom ist das verbürgt. Auf dem Hügel Esquilin soll es einen "Wald" solcher Kreuzpfähle gegeben haben.   

Doch kennt die Tradition auch Hinrichtungen, bei welchen die Verurteilten das ganze Kreuz bestehend aus Stamm und Querbalken getragen haben. Für die Kreuzigung jesuss ist das anzunehmen. Sofern man dem Verurteilten die Kleider oder eine Schambedeckung bis zur Richtstätte belassen hatte, musste er sich dort angekommen vollständig entkleiden und nackt auf den Boden legen oder er wurde zu Boden geworfen. Hatte er nur das Querholz zur Richtstätte geschleppt, wurden durch seine Handgelenke oder Unterarme 12 bis 15 cm lange Nägeln in das Querholz getrieben. Danach wurde der Balken mit dem Menschen daran hängend hoch gehoben und oben auf dem Pfahl aufgelegt und dort befestigt.    Abschließend wurden die Füße an den Stamm genagelt.   

Wenn der Verurteilte das ganze Kreuz getragen hatte, gab es zwei Varianten, ihn ans Holz zu bringen.    Bei der ersten rammte man das Kreuz in den Boden und sicherte es. Dann zwang man den Verurteilten auf eine Fußstütze vor dem Kreuz zu steigen und zurrte seine ausgestreckten Arme und die Beine mit Seilen am Holz fest. Danach wurden durch seine Glieder die Nägel getrieben und die Seile wieder entfernt.   

Die zweite Variante war wohl die schlimmste. Sie könnte bei Jesus angewendet worden sein. Man legte das Kreuz auf den Boden. Der Verurteilte musste sich darauf legen. Dann schlug man Nägel durch die Unterarme oder Handwurzeln und durch die Füße. Dabei konnte es Unterschiede geben, ob die Füße mit einem Nagel oder mit zwei, auf einer Fußstütze oder direkt an den Stamm genagelt wurden.   

Das Einsenken des Kreuzes in den Boden war für den nun in seinen Wunden hängenden Verurteilten eine infernalische Tortur. In allen Varianten der Folter konnte der Körper durch einen Pflock zwischen den Oberschenkeln gestützt werden, auf den der Verurteilte aufsitzen musste. Das war nicht eine humane Maßnahme, sondern eine raffinierte Art, die Marter am Kreuz zu verlängern.   

Trotz der grausamen Tortur hingen die Gekreuzigten oft tagelang hilflos in ihren Wunden am Foltergerüst. Die ausgestreckten Arme bewirkten Atemnot und akute Herzbeschwerden. Rasende Kopfschmerzen, zunehmender Durst stellten sich ein, Fieberanfälle, Blutverlust und ständige Kreislaufzusammenbrüche führten zu Schockzuständen. Die angenagelten Glieder drohten auszureißen.   
Wollte man den Tod beschleunigen, reichte man den Hingerichteten Giftgetränke oder man schlug ihnen mit Keulen die Unterschenkel entzwei. Auf einem Friedhof nördlich von Jerusalem wurden 1968 vier in den Felsen geschlagene antike Grabanlagen entdeckt, in denen zahlreiche Schiebestollen gemeißelt waren, die noch Ossuarien, Gebeinkästen enthielten. Die Herstellung dieser Ossarien wurde von den Gelehrten in die Zeit von 70 bis zum 2. Jahrhundert n.Chr. datiert.   

Bei den Untersuchungen der in den Ossuarien befindlichen Skelettresten ergab sich, dass dort 35 Menschen bestattet worden waren. Von ihnen mussten fünf Menschen eines unnatürlichen, also gewaltsamen Todes gestorben sein. Der spektakulärste Fund waren die Reste eines etwa 24 bis 35 Jahre alten Mannes. Sie ließen zweifelsfrei darauf schließen, dass dieser Mann gekreuzigt worden war. Sein Name war in das Ossuar geschlagen.  Er hieß Jochanan ben Ezechiel.   

Die Hinweise auf die Kreuzigung lieferten vor allem die Fersenbeine seines Skelettes. In ihnen steckte noch immer der Nagel, mit dem die seine beiden Füße an das Kreuz geschlagen worden wurden. An dem stark oxydierten Nagel fand man kleine Holzreste. Bei der Analyse ergab sich, dass das Kreuz aus Olivenholz bestanden hatte, die Scheibe oder Leiste unter dem Nagelkopf war aus Pistazienholz. Der Nagel war knapp 12 cm lang und an seiner Spitze umgeschlagen, so dass angenommen werden muss, dass er den Mann nicht vollständig tragen konnte. Daraus läßz sich ableiten, dass bei dieser Kreuzigung ein Sitzbrett oder Sitzpflock zur Anwendung kam.   

Die Arme dieses Gekreuzigten hatte man im unteren Drittel zwischen Elle und Speiche an den Balken angenagelt. Seine Beine waren brutal zerschlagen worden, um ihn zu Tode zu bringen.  Darauf weisen die Frakturen an Schien- und Wadenbeinen hin. Wie entmenscht die Henker vorgegangen waren, zeigt eine weitere Entdeckung. Die glatten Schnitte am Sprungbein lassen erkennen, dass dem Mann bei der Kreuzabnahme die Füße einfach abgehackt wurden, um die Arbeit des Henkers zu erleichtern.   

Theo Trautner Paffrath
Nürnberg - Bad Kissingen
23.3.2017